Was macht ein Startup, wenn seine Technologie so neu ist, dass selbst Investoren sie zunächst nicht einordnen können? Das Berliner Unternehmen brighter AI kennt diese Situation gut. Als eines der ersten generativen KI-Startups Europas musste das Team um Gründer Marian Klee den Begriff „generative AI“ anfangs sogar aus den Pitch Decks streichen, weil der Markt noch nicht bereit dafür war. Wenige Jahre später wurde brighter AI von Nvidia zum „Hottest European Startup“ gekürt, gewann die Deutsche Bahn als Investor und wurde 2025 von der Canon Gruppe übernommen. Ein wichtiger Baustein auf diesem Weg: vier Forschungsprojekte, die 2023 umgesetzt und vom Staat offiziell als innovativ anerkannt wurden. 2024 floss dafür eine Forschungszulage von insgesamt über einer Million Euro, beantragt gemeinsam mit re:fund.
Datenschutz oder Datennutzung? Für brighter AI die falsche Frage
Die Grundidee von brighter AI klingt einfach und ist technologisch hochkomplex. Klassische Anonymisierung, etwa durch Verpixelung, schützt zwar personenbezogene Daten, zerstört aber gleichzeitig ihren Wert für KI-Training und Analysen. „Eine Verpixelung ist wie ein Sensorfehler", erklärt Marian Klee. „Datenschutz ist wichtig und KI ist wichtig. Es kann nicht sein, dass Europa sich zwischen beidem entscheiden muss. Also haben wir gesagt, das ist die falsche Frage. Die richtige Frage ist, wie wir es lösen."
Die Antwort von brighter AI: Anonymisierung mit künstlich generierten Gesichtern und Nummernschildern. Die Daten bleiben vollständig nutzbar, enthalten aber keine echten Identitäten mehr. Genau dieses Alleinstellungsmerkmal war später einer der Gründe für die Übernahme durch die Canon Gruppe.
Vier Forschungsprojekte, die ihrer Zeit voraus waren
Die 2023 durchgeführten und geförderten Projekte deckten die gesamte Bandbreite dieser Vision ab. Erforscht wurden unter anderem ein Verfahren für den Einsatz von KI-Anonymisierung in verteilten Hyperscale-Computing-Systemen, Echtzeit-Anonymisierung auch bei herausfordernden Zielgesichtern, die automatische Erkennung persönlich identifizierbarer Informationen in komplexen Datenquellen sowie ein Edge-System für die dezentrale Anonymisierung direkt in der Netzwerkperipherie.
Besonders die Echtzeit-Anonymisierung entstand aus einem konkreten Bedarf des Marktes. Kunden wollten nicht nur einzelne Bilder oder Videos nachträglich anonymisieren, sondern Live-Kameras direkt an der Quelle datenschutzkonform nutzen. „Das war ein ganz relevantes Projekt und hat am Ende auch dazu geführt, dass wir von der Deutschen Bahn eine Investition bekommen haben", so Klee.
Von der Sicherheitskamera zur Smart City
Was auf dem Papier technisch klingt, kam schnell auf die Straße. Das Beispiel Deutsche Bahn zeigt, was die Forschung praktisch verändert hat. Allein an den rund 750 Bahnhöfen betreibt der Konzern etwa 11.000 Kameras, dazu kommen tausende weitere in den Zügen. Doch vor der Zusammenarbeit nutzte die Bahn keine einzige dieser Kameras für Innovation, alle dienten ausschließlich der Sicherheit. „Dabei sind Kameras einer der reichsten Sensoren, um die Umgebung zu verstehen und Smart Cities auf die Straße zu bringen. Es ist einfach verlorenes Potenzial, wenn diese Kameras nicht verwendet werden können", erklärt Klee. „Jeder redet darüber, dass Städte und Schiene intelligenter werden sollen. Firmen wie wir machen das am Ende möglich." Mit der Live-Anonymisierung von brighter AI konnten Kameras erstmals gleichzeitig für Sicherheit und für Smart-City-Innovation genutzt werden.
Auch mit der BVG arbeitete brighter AI eng zusammen. Aus ersten Piloten wurden feste Projekte in Bussen und Straßenbahnen, und bis heute fahren in Berlin Straßenbahnen, die mit der Anonymisierungstechnologie ausgestattet sind.
Bei Volkswagen wurden Fabrikdaten anonymisiert. Hier ging es nicht nur um die DSGVO, sondern vor allem um den Schutz der Arbeitnehmer, denn Betriebsräte sind beim Datenschutz besonders streng. Erst durch die Anonymisierung konnten die Daten für Innovation in der Produktion genutzt werden. Auch Meta, Intel und Nvidia zählen zu den Kunden, mit Meta und 12 weiteren Universitäten arbeitete brighter AI unter anderem an den Datensets für die Entwicklung von Smart-Glasses. „Alle vier Projekte hatten einen fundamentalen Charakter für das Unternehmen, für das, was wir am Markt machen konnten, und für den Wert des Unternehmens", so Klee.
Staatliche Anerkennung als Beweis für Technologieführerschaft
Die Forschungszulage, die 2024 für die Projekte ausgezahlt wurde, war für brighter AI weit mehr als eine Finanzspritze. Vor allem die Wirkung auf die Investoren war spürbar. „Die Forschungsrelevanz der Technologie wird extern bestätigt. Wir hatten schwarz auf weiß, dass wir Cutting Edge sind. Das ist ein Proof Point für Investoren“, so Klee. Die staatliche Prüfung wurde damit zu einem Gütesiegel, das nicht nur öffentliche Förderung sicherte, sondern auch privaten Kapitalgebern die Entscheidung erleichterte, weiter zu investieren.
Die Herausforderung dabei: Wer an Technologien forscht, die der Markt noch gar nicht versteht, muss diese Innovationshöhe gegenüber den Prüfstellen erst einmal verständlich machen. „Wenn man etwas am Markt macht, was noch keiner versteht, aber so innovativ ist, dass es genau eine Forschungszulage braucht, dann muss man das erst einmal erklären können. Dafür eine Brücke wie re:fund zu haben, ist essentiell", sagt Klee.
Vom Berliner Pilotprojekt zur weltweiten Expansion
Heute zeigt sich, was die frühe Forschung wert war. Rund 30 Prozent des Umsatzes von brighter AI kommen inzwischen aus Japan, dazu Kunden aus den USA und Brasilien. Die Technologie, die in Berlin erforscht und gefördert wurde, kommt mittlerweile weltweit zum Einsatz. Seit der Übernahme durch die Canon Gruppe im Jahr 2025 setzt brighter AI seinen Weg unter dem Dach von Milestone fort.
Rückblickend ordnet Marian Klee die Rolle der vielen Beteiligten auf diesem Weg so ein:
„Zum Erfolg eines Startups steuern ganz viele bei. Wenn jeder, der unterstützt, zehn Prozent dazugibt, werden es am Ende durch alle zusammen hundert Prozent. Und re:fund hat auf jeden Fall mehr als zehn Prozent dazugegeben."




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